• Assessment der ovariellen Reserve (AMH & AFC)

  • AMH und AFC-Rechner

    Klinische Rationale

    Die Evaluation der ovariellen Reserve erfolgt primär über die Bestimmung des Serum-Spiegels des Antimüller-Hormons (AMH) sowie die sonografische Zählung der Antralfollikel (AFC). Dieser Rechner ordnet isolierte individuelle Messwerte in alterskorrelierte Perzentilen ein. Die Daten dienen der Einschätzung des quantitativen Follikelpools, der Prädiktion der ovariellen Response im Rahmen assistierter Reproduktionstechniken (ART) sowie der Risikostratifizierung für eine prämature Ovarialinsuffizienz (POI).

    Die ovarielle Reserve korreliert ausschliesslich mit der Quantität der verbleibenden Follikel. Sie besitzt keine wissenschaftlich belegte prädiktive Validität bezüglich der Eizellqualität oder der Wahrscheinlichkeit für den Eintritt einer Spontangravidität.

    Methodische Parameter und referenzierte Populationen

    Die exakte Perzentilen-Zuordnung variiert signifikant in Abhängigkeit der gewählten Referenzpopulation. Der Algorithmus integriert folgende Kohorten:

    • AMH-Referenzen:
      • Almog et al. (2011): Multizentrische Kohorte infertiler Frauen (ohne Polyzystisches Ovarialsyndrom).
      • Li et al. (2020) / Hu et al. (2025): Grosse Querschnittskohorten gesunder asiatischer Populationen, analysiert mit unterschiedlichen Laborsystemen (Beckman Coulter Access vs. Roche Elecsys).
    • AFC-Referenzen:
      • La Marca et al. (2011) / Bozdag et al. (2016): Normofertile europäische (italienische) respektive unselektionierte vorderasiatische (türkische) Populationen.

    Kritische Limitationen und Unsicherheiten

    Die Interpretation der generierten Daten erfordert die zwingende Berücksichtigung folgender systemischer und methodischer Limitationen:

    1. Suppression durch Exogene Faktoren: Hormonelle Kontrazeptiva (insbesondere Kombinationspräparate und Gestagen-Monopräparate) sowie Nikotinkonsum induzieren eine temporäre, reversible Suppression von AMH und AFC. Die im Rechner implementierte mathematische Rückrechnung auf einen theoretischen Basiswert basiert auf prozentualen Medianen aus Querschnittsstudien. Eine lineare Extrapolation auf das Individuum oder die Kumulation mehrerer Faktoren (z.B. Pille und Rauchen) ist statistisch fehleranfällig und liefert lediglich einen groben Näherungswert.
    2. Ethnische und assay-spezifische Diskordanz: Asiatische Populationen weisen im Vergleich zu kaukasischen Frauen abweichende AMH-Abfallkinetiken auf. Die Anwendung der präzisen Daten von Li oder Hu auf Patientinnen in der Schweiz kann zu systematischen Fehlinterpretationen (Bias) führen. Zudem differieren die absoluten Messwerte je nach verwendetem Labor-Assay.
    3. Populations-Bias: Die Verwendung der Daten von Almog et al. (2011) vergleicht die Patientin mit einer infertilen Kohorte. Dies führt mathematisch zu einer potenziellen Überschätzung der relativen ovariellen Reserve im Vergleich zu einer gesunden Normpopulation.